Bezahlte Natur und Faltschachtelhäuser
Kanada August 2016

Montag, 22. August 2016

Die achteinhalb Stunden Flug steckten wir mit Lesen, Essen, Mastermindspielen und Schlafen weg.

Christels Freundin aus Kindertagen holte uns am Flughafen ab und kaum eine Stunde später bogen wir im Städtchen Burlington in eine Wohnstraße ein, die Centennial Drive. 60 Kilometer westlich von Toronto direkt am Ontariosee wohnten die Rups mit ihren drei Kindern. Sie waren vor sechzehn Jahren nach Kanada gekommen, weil Uli hier einen guten Job bei einer Fensterbaufirma bekommen hatte. Dann kamen die Kinder und deswegen sind sie von Geburt Kanadier, die Eltern noch nicht. Gerade vor kurzem hatten diese eine Prüfung in Staatskunde und Sprache bestanden und in Bälde werden sie eingebürgert.

Für unser Zeitgefühl war es bei der Ankunft um drei nachmittags elf Uhr abends, aber Gerlinde ließ uns auch nach dem Abendessen nicht ins Bett. „Ihr müsst mindestens bis halb zehn Uhr aufbleiben, sonst schafft ihr den Wechsel nie!“ Es gab rips mit baked potatoes, im slow cooker vorgegart und dann kurz übergrillt. Die nächsten drei Stunden vor dem Haus zogen sich, wir durften ja nicht ins Bett, obwohl es für unsere innere Uhr schon drei Uhr morgens war.

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Dienstag, 23. August 2016

Nach zehn Stunden Schlaf ging es uns wieder besser und wir waren im anderen Kontinent angekommen. Gerlinde goss gerade ihren Garten, als ich aus dem Keller auftauchte, wo der Besuch schlafen durfte. Der Kaffee war schon in der Thermoskanne auf dem Tisch, Milch gab’s auch, ich probierte sogar einen Toast, wunderbar.

Zuerst kutschierten wir zum Einkaufen. Im riesigen „Florentine“ holte Gerlinde Lyoner in Scheiben. „300 grams or just a stack!“ orderte sie und meinte, dass die Verkäuferin halt einen Stapel von den Wurstscheiben einpacken sollte. Käsestangen, Semmeln für die Burger, die es abends geben sollte und ein 24er Pack kleine Wasserflaschen von Nestlé sollten auch noch mit. Dimensionsmäßig war der Laden ein Kaufland oder Real. Nebendran im Winestore schauten wir uns um, holten aber dann nur ein paar Flaschen Bier: Spatenweißbier für Uli und ein Ale für mich. Erdinger hätte es auch gegeben.

Alkohol wird hier in Ontario niemals in einem normalen Supermarkt verkauft. Nur lizensierte Beerstores oder eben Weinläden dürfen das Gift überhaupt verticken. Warum? Wegen des Kinderschutzes. Die Drogen in der Öffentlichkeit zu trinken, steht unter Strafe.

Die Eltern zahlen auch eine Heidenstrafe, wenn ihre Kinder unangeschnallt im Auto sitzen, mehr, als wenn Erwachsene sich nicht an die Vorschrift halten. Wird ein Kind ohne Fahrradhelm beim Radeln erwischt, werden die Eltern zur Polizei zitiert und das Rad wird anschließend nach Hause geschoben. Fahren darf das Kind ja ohne Helm nicht. Gerlinde erzählte aus ihrem reichen Leben mit drei Kindern.

Mittags packten wir ein bisschen Proviant ein (die Bierdose kannst du nicht mitnehmen, wo willst du die denn trinken?) und fuhren eine Stunde nach Niagara Falls. So heißt der ganze Ort, wo sich der Niagara 57 Meter hinunterstürzt, unten ein paar Strudel macht und dann unbeeindruckt weiterfließt. Gerlinde ließ uns aussteigen und fuhr mit den Kindern weiter ins Marineland, einem Vergnügungspark gleich nebenan. „Die Kids mussten in letzter Zeit schon dreimal hier rauf und runter laufen, dieses Mal machen wir etwas anderes.“

Durch zwei Straßen mit Fahrgeschäften, MacDonalds, Tom Hortons (eine Kette mit Kaffeesachen) gelangten wir zum Ufer. Die Geisterbahnen (hier heißen sie Nightmare) kann man mit drei Stufen besuchen: 1 for weak hearts, 2 for braves, 3 for insanes. Letzteres sind Verrückte. Man läuft einem roten LEDlicht in völliger Dunkelheit nach. Mal greift eine Hand nach dem Bein, mal fährt eine Wand vor einem hoch und hüllt einen in Luftpolsterfolie und mal erscheint einfach ein Skelett und klopft einem auf die Schulter. Wer‘s braucht.

Die Menschen, die sich das Naturschauspiel anschauen, sind vom Niagara selbst schon beeindruckt. Wir waren’s auch. Die gegenüberliegende Seite des Flusses ist amerikanisch. Dort trugen alle Leute, die hinunter zur Bootsanlegestelle liefen, dunkelblaue Regenschutzplastikhexen. Auf unserer Seite war alles rot. Kanadarot. Wir kauften für 19.90 Kanadische Dollar ein Ticket, stellten uns in die Schlange zum Boot, bekamen rote Regenschutzplastikhexen und nach einer halben Stunde waren wir auf dem unförmigen Badewanne, der mitten in die Gischt der beiden Wasserfälle fuhr. Der amerikanische Fall war ja noch harmlos, aber der horse shoe fall (er hat die Form eines Hufeisens) taufte uns. Gut, dass wir die Regenschutzplastikhexen anhatten. Mit gewaschenen Haaren und einer Menge Fotos spuckte uns das Bötchen wieder aus.

Wir brauchten erst einmal ein Picknick auf der Wiese. Unter einem Baum, natürlich einem Ahorn, schmatzten wir ein Ei, ein Würschtl und ein bisschen Käse mit Brot. Dazu Wasser. Bei 7,50$ für 0,3l Bier im Lokal beim Ausgang vertagte ich meinen Bierdurst auf abends.

Beim Heimfahren musste Gerlinde viele Fragen beantworten. Nein, Steinhäuser gebe es in Kanada fast nicht, Solarzellen auf den Dächern? Nein, dann würden die Häuser zusammenbrechen. Ein Holzgerüst aus 2 mal 8 inches (5 mal 20 Zentimeter) Brettern bildet das Innenleben der Wände. Ausgefüllt mit Isoliermatierial kommen kleine Latten darauf und womit der Häuslebauer sein Papphaus außen verkleidet, ist sehr variabel. Manche ahmen einfach Putz nach, andere kleben Blechstreifen darauf, wieder andere imitieren Holzbohlen und die meisten verkleiden ihre Wände mit Klinkerimitat oder gar großen Steinbrockenattrappen.

Alle fünf Jahre sei ein elektrischer Check nötig, damit das Haus überhaupt weiter versichert sei. Ein Kabelbrand wäre bei solch einer Konstruktion ja wirklich ungemütlich.

Zuhause in Burlington schmiss Gerlinde den Ofen für die Kartoffeln an und im Garten den Grill für die Burgerpflanzl. Jeder baute sich seinen Burger selbst zusammen aus Zwiebeln, Tomaten, Avocados, Käse, den Buletten eben und einer großen Semmel. Ich brachte kaum den Mund so weit auf, um hinein zu beißen und legte den Semmeldeckel einfach weg. Dazu löffelten wir double baked potatoes.

Ein Rezept: Wenn du zu viele Kartoffeln gebacken hast (der Ofen ist so groß), holst du das Fleisch heraus, mischst es mit etwas anderem, füllst es wieder ein und bäckst den pommes de terre nochmal. Aha!

Vor dem Haus saßen wir drei Mädels dann noch bei einem Guinness und Cocktails. „Da hau ich jetzt Eis, Wodka, Limonensaft und Blaubeerlikör in den Blender, wirst schon sehen, das gibt einen tollen Cocktail!“ Preisfrage: Wer von uns trank das Bier?

Mittwoch, 24. August 2016

Um 12 Uhr hatten wir mitten in Toronto in die Wellington Street 200 getroffen, die Einfahrt in die Parkgarage gefunden und waren auf dem Parkdeck 2 gelandet. Die Autos von ALAMO standen hier, aber das Büro der Autovermietung residierte ein Stockwerk darüber im sogenannten „Path“. Hier verbinden weitläufige unterirdische Gänge die Hochhäuser, damit man nicht auf die Straße musste. A konnten die Bürgersteige gar nicht so viele Leute aufnehmen, wie da zur Mittagszeit unterwegs waren, B wurde man unten nicht nass, wenn es oben schiffte, C war es im kanadischen Sommer kühl, D erfror man nicht bei den minus 30 Grad im Winter und zu essen gab es auch etwas. Gerlinde erklärte, dass hier Friseure, Wäschereien und sogar Zahnärzte ihre Dienste anboten, grade so während der Bürozeiten. Wie praktisch.

Ganz unkompliziert bekamen wir unseren vorbestellten MiniSUV, einen nagelneuen Ford Escape mit 3000 Kilometern. Wir packten die Taschen um, stellten das Navi auf die Adresse unseres ersten Stopps in Montreal ein, verabschiedeten uns und düsten los. Christel fuhr die erste Strecke, damit ich endlich mit der Schreiberei nachkam und bald hatten wir die Häuserschluchten Torontos verlassen. Pickering, Bowmannville, Port Hope, Cobourg, Brighton, alles ließen wir links liegen, während das GPS vor springenden Hirschen und vorausliegenden Kurven warnte. „Don’t drink and drive“ stand auf einem Schild (wer macht denn sowas?), auf einem anderen „Take a break for safety“ Ein paar Schilder – groß und grün – rasten vorbei. Darauf die Strafen fürs Zuschnellfahren.

29 Grad außen, 22 innen, Sportsitze, eine Kühltasche mit Eiswasser, Brot und Wienerwürschtl angeschnallt auf der Rücksitzbank – so sausten wir mit 100 kmh (aircraft controlled!) through Ontario Richtung Osten.

Sausen war falsch: weil die zweispurige HWY, die unsere NaviStimme Anna immer so aussprach: „HaWellYpsilon“ öfter einmal auf eine Spur gelegt wurde, brachten wir auch einige Zeit mit stop and go zu. Die Verbrauchsanzeige unseres Automatikwagens quittierte das mit 99,9 l/h.

Nach der ersten Pause an einer ONTOUR Raststätte nannte ich den SUV nur noch CABA. Caba241 stand auf dem Nummernschild und schlammfarben sah der Ford auch aus. Die 540 Kilometer zogen sich doch, aber endlich hatten wir die Grenze nach Quebec überfahren. Quebec ist eine der zehn Provinzen Kanadas. An der ersten ONTOUR hielten wir noch einmal zum Entwässern und tatsächlich konnte man hier Bier und Wein an der Tankstelle kaufen. Taten wir aber nicht.

Nun standen die Ankündigungen auf den Schildern auf Französisch da. Wir übten im Auto die wichtigsten Wörter. Vä rusch. Nein, ein stimmhaftes sch! Und das vin mehr in die Nase. Vä ruschö. Und Weißwein? Vin blanc. Vä blansch. Nein blanc. A, woaßt wos, vä blo reicht mir.

Faszinierend fanden wir die verschiedenen Haustypen. Nicht ein Häusl schaut aus wie das andere. Ein Satteldach, ein Walmdach, eines mit Veranda, eines mit Erkerchen, ein Flachdach, ein Spitzdach bis zum Boden. Außen eben weiß, holzvertäfelt, blechverkleidet, mit Plastiksteinen beklebt. Der bayrischen obersten Baubehörde würde der Mischimaschi hier bestimmt nicht taugen, aber das ist ja genau der Unterschied. Das Wichtigste an einem Haus ist der stiftenkopfkurz gemähte Rasen und die obligate Garage, kingsize.

Nach sieben Stunden Fahrt kamen wir um halb acht in Montreal an, fanden das Apartment (4232 rue verdun) und waren not amused. Naja.

Küche völlig desolat. Zwei Kochstellen mit einer offenen Heizspirale, Bad naja mit Schamhaaren in der Badewanne, Kühlschrank groß, aber lauter vergammelte Sachen drin.

Ein total gschlamperter Männerhaushalt eben. Aber so etwas einem anderen antun, grenzt schon an völliges leckmichdudochamArsch.

Der Typ ist bis jetzt nicht da, es ist elf Uhr. Ich glaube, er muss arbeiten.

Wir waren gerade in einem Bistro essen, war gut. Salat und fritierte Tintenfischdings.

Jetzt wieder in der Vergangenheitsform, ich bin ja völlig echauffiert.

Im Zimmer stand die Hitze, aber der Ventilator arbeitete brav an der Decke und drehte seine großen Runden.

Donnerstag, 25. August 2016

Diesen Tag in Montreal gibt es in diesem Bericht nicht. Wir fuhren mit der Metro (200 Meter von unserem Luxusappartement) in die Stadt. Ein Hochhaus wie das andere, die kleinen Kulturgüter inmitten der BetonGlasKlötze verborgen warteten sie auf uns. Leider schrieb ich diesen Tag ja nicht und habe die Kleinigkeiten vergessen.

Nein, auch hier gibt es einen unterirdischen Weg, der gebaut wurde, um die armen Leute vor extremer Hitze und dem eisigen Winter zu schützen. In der Mittagspause müssen die Büromenschen so nicht mehr in diese böse natürliche Luft, sondern können sich gleich von der Natur verabschieden. Die gibt es dann in Nationalparks gegen Entgelt wieder. Restaurantgarten – Calamari – Salat – Glas Wein – ein Bier 40$

Freitag, 26. August 2016

Wir streckten uns erst einmal, als wir um halb acht aufwachten. So eine Quatschmatratze waren wir nicht gewöhnt. Dann rissen wir alle Türen nach draußen auf, ließen die Sonne herein und stellten die Kaffeemaschine auf den Heizschlangenkocher.

Unser sogenannter Gastgeber Nacho war wahrscheinlich seit vorgestern nicht nach Hause gekommen. Entweder er schlief nach einem Nachtdienst oder er war einfach gar nicht da. Mir war das egal, nette Dinge hätte ich ihm sowieso nicht sagen können.

Was ein Glück, dass ich an die Espressokanne gedacht hatte, so mussten wir nicht ohne Kaffee aus dem Bruchbudenhaus. Ich sitze jetzt auf einem blauen Plastikstuhl mit weißen Malerflecken in dieser unsäglichen Küche und trinke Espresso mit Milch von der Beatrice (steht auf der Packung) aus meinem Captainsbecher, nur damit du, lieber Leser ein Gefühl für meinen momentanen Zustand bekommst.

Der Allgemeinzustand allerdings ist recht gut, heute geht es nach Quebec zu Sylvain, unserem zweiten Airbnb-Gastgeber.

An der ersten roten Ampel lockte ein Dollarama. Bei uns würde man Ein-Euro-Laden sagen. Was es da nicht alles gab: Kirschsirup im Infusionsbeutel, aufquellbare Handtücher, 20 Meter geflochtene Leine und Oliven. Die letzten drei Artikel landeten in meinem Einkaufskorb.

Die langweilige Autobahn mieden wir und hielten uns immer rechts am St. Lorenz-Strom auf der 138. Bei jeder Möglichkeit dirigierte uns das Navi nach links auf den Highway, nur weil es da schneller ging, aber jedes Mal fuhren wir Anna (die Navistimme heißt so) über den Mund: Neeeiin, nix links.

Pause machten wir in Trois rivière, dem Ort, wo drei Flüsse zusammenkamen. Schlaumeier, sagt ja der Name schon. Es sei die älteste Industriestadt Kanadas und die mit der größten Papierproduktion bis 1960. Die örtliche Église war Westminster Abbey nachempfunden und als wir zwei Hübschen eintraten, klatschten gerade die Leute. Es war eine Totenmesse. Der Priester hatte offenbar gerade etwas Löbliches über den Verblichenen gesagt. Das Städtchen bot ein freies Wlan (will das jemand wissen) und ein öffentliches Klavier.

Ein junger Mann hatte sein Fahrrad ans Piano gelehnt und spielte hingebungsvoll etwas Claydermannähnliches. Aber wirklich gut. Wir setzten uns neben einen alten Mann und lauschten auf den dafür vorgesehenen Stühlen. Ein Klavier zum Spielen, wenn man Lust hat, eine Schau.

Unser Navi lotste uns durch Quebec, nun meine ich die Stadt, und schon standen wir mit unserem CABA vor der 128, Hamilton. Die Türe war offen, drinnen winkte am Ende des Flures Sylvain mit dem Staubsauger in der Hand. Er überließ uns seinen strafzettelsicheren Parkplatz und strahlte uns an. Das Zimmer war gefüllt mit einem Kingsizebett und einer Kommode. An der Decke werkte schon wieder ein Ventilator, sehr angenehm! Sylvain zeigte uns alles in der Küche (bombastische Geräte american style), das Bad für uns alle und empfahl ein vietnamesisches Restaurant in der Nähe.

Zuerst wollten wir allerdings ein Zimmer für die nächsten Tage in Quebec buchen, weil Sylvain selbst ausgebucht war, schade. Der von ihm empfohlene Gastgeber verlangte eine Verivizierung meinerseits, hä? Nein, meine Facebookkontakte sollten die von Airbnb nicht nutzen dürfen, aber kaum klickte ich das weg, konnte ich meine Suche von vorne beginnen. Eigentlich bin ich ja ein social media Neandertaler, aber ein nicht genutztes Facebook-Konto habe ich trotzdem.

Auf diese Weise buchte ich fünf Zimmer, weil trotz der abgebrochenen Verifizierungen die Anfragen gesendet wurden. Zu guter Letzt stornierte ich alle bis auf eines, der Magen knurrte und wir schlenderten los zum vietnamesischen Restaurant.

Besagtes war schon bumsvoll, als wir um halb acht dort ankamen, aber wir bekamen trotzdem ein Plätzchen und sofort kaltes Wasser in Gläser geschenkt. Wir bestellten ein Menü und fragten nach einem Glas Wein. Die kleine Vietnamesin schüttelte den Kopf. Alkohol gäbe es hier nicht, sie hätten keine Lizenz. Ah, davon hatten wir schon gehört. Bring your own bottle, hieß die Devise. Sie schickte mich zum Supermarkt gegenüber, ich tat wie geheißen und kaufte eine Flasche gekühlten Weißwein und einen Roten, zur Auswahl für die Christel.

Die Suppe stand schon da, als ich nach ein paar Minuten zurückkam. Ich kredenzte white wine dazu. Danke für die Empfehlung, Sylvain, das Essen war richtig gut.

Samstag, 27. August 2016

Neun Uhr! Oh, da hatten wohl welche den Schlaf gebraucht. In der Küche trafen wir unsere Zimmernachbarn. Sie waren uns auch schon als Kollegen angekündigt worden, warum? Weil sie auch aus Ontario angekommen waren. Ontario, lieber Leser, ist wie Quebec ein Landesteil Kanadas, like Bayern und Hessen, you know? Only a little bit bigger. Auf die Unterschiede legt man hier schon Wert: in Ontario steht auf den Autokennzeichen der Satz: „Yours to discover“ und vorne prangt auch ein Schild, während hier in Quebec der Satz: „Je me souviens“ draufsteht und das vordere Kennzeichen fehlt. Hier kann man also nur von hinten geblitzt werden, von vorne hilfts nix. Je me souviens heißt „ich erinnere mich“ und steht auf dem Parlamentsgebäude von Quebec zur Erinnerung an Verteidigungskriege gegen die Briten und die Amerikaner vor ein paar hundert Jahren.

Die Ontarionachbarn tranken also mit uns Kaffee und bald hatten wir uns an die englische Aussprache der netten Leute gewöhnt. Sie waren aus Toronto, aber ich bekam bald heraus, dass sie ursprünglich aus Albanien stammten und mit einem „Skill-program“ vor 15 Jahren kommen durften. Als Finanzanalyst wurde er hier gebraucht. In Albanien sei nichts vorwärts gegangen, die Regierung hätte sich nicht um die Bedürfnisse der Leute geschert und darum wären sie ausgewandert. Eine bunte Gesellschaft hier.

Als die beiden gefahren waren, lief ich zum Supermarkt, kaufte Eier, Joghurt und Brot und dann zelebrierten wir in der supersauberaufgeräumten Küche ein breakfastlunch, ein brunch. Spiegeleier mit Tomatengarnitur, Baguette mit Cheddarfrischkäse, dann Balkanstyle Joghurt mit frischem Pfirsich.

Wir verabschiedeten uns von dem mittlerweile heimgekehrten freundlichen Sylvain, der heute mur bis Mittag in seiner Großhandelshalle für Obst und Gemüse arbeiten musste und steigen in unseren CABA. An der Schnellstraße 138, der wir auch gestern gefolgt waren, standen aufgereiht die kleinen Häuschen. Völlig schmerzfrei, lärmbezüglich, wohnten und campten hier die Leute, wie bei uns daheim.

Eine riesige Kathedrale erhob sich in einem Ferienort, umdrehen, das mussten wir uns anschauen. Partyzelte, viele Menschen, alle Türen sperrangelweit geöffnet. Im Inneren der Basilika zur heiligen Anna umtoste uns Mendelssohns Hochzeitsmarsch. Das frische Paar sah nicht mehr so ganz frisch aus, dementsprechend auch die Gesellschaft und als alle draußen waren, wurde es still. So muss eine moderne Kirche ausschauen: Flatscreens in den Seitenschiffen, damit auch jeder etwas sah, ordentliche Beschriftung der Ausgänge in leuchtendem rot, Wegweiser zur Unterkirche und zu den Toiletten. Und über allem an der Decke und in der Apsis, das Leben der Hl. Anna in Wort und Bild.

Wieder draußen im Mittagssonnenlicht wunderten wir uns über das „Cyclorama Jerusalem“. Ein Rundbau enormem Ausmaßes mit einer Kuppel und einem Eingang wie ein Stadttor Jerusalems. 11 Dollar Eintritt.

In der Vorhalle konnten wir dann lesen, was es damit auf sich hatte. Neben einem riesigen Puzzle mit Schloß Neuschwanstein war die Erklärung auf französisch und erst dann auf englisch zu lesen: ein amerikanischer Panoramist (so stands da) hatte den Traum, Jerusalem samt dem Ölberg plastisch dazustellen. Die Rede war immer von trompe d’oeils, einer Technik, die man auch in Europa in der Kirchenmalerei kennt, wenn die Engel scheinbar einen Fuß aus dem Bild strecken. 1880 hatte dieser Typ also ein Panorama im Kreis (Cyclorama) gebaut, 14 Meter hoch und 100 Meter im Kreis. Bauort war Munich, was? Christel meinte, dass sie sich Jerusalem lieber im Original anschauen wollte und drum sparten wir das Geld lieber für die nächsten zwei Weinflaschen. Scherzle gmacht.

Der Highway 138 verlief nun durch endlose Wälder, lief mit gefühlten 25 Grad SteIgung über Hügelkuppen und kleine Orte. Hatte unser CABA eine Kuppe erklommen, konnten wir meilenweit sehen und uns den Indian summer gut vorstellen.

Nummer 475 der Rue de la alliance, was der Highway 138 war, war ein schmuckes B&B, ganz in weiß. Joanne, unsere Gastgeberin, hatte mit dem Merkmal „Privatzimmer“ zwar etwas geschummelt, aber mei. Wir bekamen ein chambre la bas, also unten. Unten war näher am Wasser, wunderbar. Vier Zimmer nebeneinander mit Flachdach muteten an wie Baucontainer mit Veranda. Natürlich waren es wieder Pappschachtelwürfel wie alle Häuser hier, aber die Aussicht auf den Sankt Lorenzstrom war gigantisch. Wir sahen nur original kanadische Holzsessel, Schilf, Schlammufer und Wasser. Kühlschrank, Klimaanlage, ein schönes Bad, ein Fernseher, alles da.

Nach den Stunden im CABA wollten wir ein bisschen laufen und fragten nach dem nächsten Supermarkt. Joanne wies nach Norden und meinte, es sei pas loin. Dieses „nicht weit“ war für das Auto gedacht. Fast eine halbe Stunde trotteten wir an der Straße entlang, einen Hügel hinauf, einer Kurve folgend. Nein, umdrehen wollten wir auch nicht. Da war er, der Ort Baie Saint Catherine mit seinen drei Häuserchen, ein paar Restaurants und dem Supermarkt.

Die Preise hier waren schon gesalzen. Toastbrot 4$, Eissalat 4,6$, Bier im Supersonderangebot 2,5$, sonst 5$. Man rechne vom Dollar immer ein Viertel weg und hat Euronen.

Obwohl wir hier auf dem gleichen Breitengrad waren wie zuhause, dem 48sten, kam es uns frischer vor. Die Abendsonne wollte ja gerne, aber sie schaffte es nicht, uns draußen zu halten. Nach einem Bierchen auf der Wiese vor dem Zimmer bauten wir unsere Vesper auf dem Bett auf. Wie gut, dass ich im Dollarama zwei Teller gekauft hatte. Essig und Öl, Gewürze, Plastikbesteck, Tomaten, Salat, Cheddarfrischkäse, perfekt. Und während des Abendschmauses sahen wir eine Folge von „Lassie“ im Fernsehen. Auf Französisch versteht sich.

Sonntag, 28. August 2016

Von halb acht bis halb neun gab es Frühstück für 9$ bei Joanne. Sie stellte jede Marmelade und jedes Cookie persönlich vor, Brot und Kuchen war hausgemacht, die Karamellsoße auch, nur die Apfeltaschen wären gekauft. Oh, oh, das einzig nicht Süße war der weiße Toast und Butter. Sogar das Tuttifrutti aus der Dose war süß, und das mir. Christel konnte wegen ihrer Weizen-Zucker-Allergie gar nichts essen, tat es aber doch. Das braune Brot enthielt nicht etwa Vollkorn oder wenigstens Kleie, nein, Zimt und Rosinen färbte das Gebäck. Keine zehn Minuten später war der armen schon unwohl. „Ich spür’s am Augenzwinkern und Kopfweh hab ich auch!“. Für den nächsten Tag bestellten wir nur Kaffee.

Eigentlich wollten wir heute nur ein bisschen herumfahren und an der Küste laufen, aber dann stiegen wir um 1015 doch auf den Whalewatchingdampfer. Der Himmel war verhangen, es nieselte sogar etwas. Die Tickets sollten 69,90 Dollar kosten, ein Vermögen. Als ich dann zwei davon kaufte, zahlte ich 160,68 Dollar. Der französisch nuschelnde Verkäufer faselte etwas von Tax. 110 Euro für eine dreistündige Dampferfahrt, boh. Aber deswegen waren wir ja hier und drum mussten wir halt am Essen sparen.

Der Kapitän gab Gas. Zuerst fröstelten wir nur, aber dann zog die Kälte bis in die Knochen und wir gaben nach. Im Innenraum war es auszuhalten, aber da sah man halt nur beschränkt. Die Walbeobachtungssprecherin im dick wattierten Anorak sprach in ihr Mikrofon, übergangslos wechselnd vom französischen ins englische. Sie erzählte von Längen und Gewicht der Tiere, dass die Finnwale Namen hätten und jedes Jahr wiederkämen und als wir ein gutes Stück Richtung Leuchtturm inmitten des Sankt-Lorenz-Stromes gefahren waren, sahen wir auch schon die ersten Kolosse. Riesige Leiber mit einer kleinen Finne tauchten auf, atmeten und waren wieder weg. Foto, Foto, Foto. Überall klickte es und auch wir hielten tapfer mit. Zwei Mal zeigten die Wale eine Flunke, aber gerade da lehnte ich gerade entspannt auf der Reling, die Kamera in der Tasche. Egal, der Anblick der Schwanzflosse war trotzdem toll.

Der nächste Punkt war inmitten einer Herde Seelöwen. Oder sagt man nicht Herde? Eine Schule Seelöwen? Nein, so nennt man doch nur eine Menge Delfis. Wurscht. Es waren bestimmt fünfzig Tiere, die uns neugierig anschauten und wieder wegtauchten. Und mittendrin begrüßten uns auch wieder Finnwale. Auf den Fotos sind natürlich nur schwarze Flecken zu sehen.

Am Anfang des Trips waren wir an weißen Flecken vorbei gefahren und auf der Rückkehr an der gleichen grünen Fahrwassertonne warteten sie auf uns, die Belugas. Von den Weißwalen gibt es hier nur noch 1000 Stück, obwohl die Jagd darauf seit 1979 verboten ist, lernten wir von einem Plakat am Infostand. Am Ende des Ausflugs fuhr unser Boot noch ein Stück in den Saguenayfjord hinein, sehr nahe an den Uferfelsen vorbei – Wind von hinten, also windstill auf Deck, sehr angenehm. Die drei Stunden Bootsfahrt verbrachten wir mit Augenaufreißen, Bewundern und Hin- und Herlaufen, gesessen sind wir keine 15 Minuten.

Durchgefroren kauften wir im Supermarkt zwei Schüsseln mit Nudelsuppe zum Aufgießen, schütteten bei Joanne heißes Wasser darüber und wärmten uns damit wieder ein bisschen auf. Im Wintergarten mit Aussicht auf den Fjord löffelten wir die Suppe, die jeglichen Geschmacks entbehrte; draußen regnete es mittlerweile. Mit der ordentlich nachgepfefferten Suppe im Magen spielten wir Rommé und machten den Rest des Tages endlich einmal Urlaub.

Wir entschieden uns für das Restaurant, in dem schon Leute saßen, bestellten das, was die Tischnachbarn schon hatten, moules et frites. Eine Portion für uns beide. Die Miesmuscheln waren riesig, womit waren die gedüngt? Zusammen mit etwas zu braunen Pommes und der gut gewürzten Tomatensoße schmeckte es uns für 42 Dollar ganz gut. Ach ja, zwei kleine Biere waren auch dabei.

Montag, 29. August 2016

Joanne hatte uns wieder Kaffee aus dem Frühstückraum geholt. Wir genossen mit unseren zwei Tassen den Ausblick auf den St-Lorenz-Strom vom Wintergarten aus. Auf der Ostseite war der Himmel schwarz, aber uns wurde von dem einen Sonnenstrahl heiß, der durch die große Fensterfläche hereinschien.

Wir wurden von der 138igsten Straße direkt auf die Fähre geschickt, die auf der Stelle losfuhr. Anders war über den Fluss Sanguenay kein Rüberkommen. Sie kostete auch nichts, es war quasi ein besonderes Stück Straße. Drüben in Tadoussac fielen wir zuerst einmal in die Tourist info und ließen uns zeigen, wie man am besten zur Belugabeobachtungsstelle kommt. Die Weißwale ziehen nämlich bis in den Saguenay hinauf, um ihre Kleinen groß zu ziehen.

Auch hier zahlten wir 8,50$ pro Mensch als Eintritt in den Nationalpark, durften dann bis zum Parkplatz fahren und 3 Kilometer einen schön präparierten Waldweg laufen. Auf Tafeln wurde das Leben im Holzfällerdorf von 1880 bis 1910 beschrieben, wie die Leute Strom mit einer Dampfmaschine gemacht hatten und sogar von hier aus telegraphierten, um der Isolation zu entfliehen. Das Wort für scierie schauten wir im Händi nach. Ah, drum kam es so oft vor, es hieß Sägewerk. Dank sei der App „Linguee“, viele Wörter offline übersetzen kann. Ein Streifenhörnchen, ein kleiner Lapin, ein paar Eichhörnchen und ein Minifrosch beglückten uns auf dem Weg.

Am Kap standen schon ein paar Leute, unter anderem eine Großfamilie aus Heidelberg, gebürtige Freiburger. Mit ihnen wurde uns die Zeit verkürzt, um doch noch ein paar Belugas zu sehen. Aber obwohl das Gespräch kurzweilig verlief, kamen die weißen Fischis einfach nicht an uns vorbei. So zogen wir etwas enttäuscht von dannen.

Zurück fuhren wir nach Tadoussac und sahen uns dieses Städtchen etwas genauer an. Das Bierchen am Hafen konnten wir nur mit Hilfe eines Tim-Hortens-Kaffeebechers trinken. Kein Alkohol in der Öffentlichkeit und darum musste die Bierdose im Pappendeckelbecher Platz nehmen.

Ein kleines Bistro lockte uns mit einem passablen Angebot an heimischem Essen (es waren nur die Zutaten, denn Pizza ist sicher kein regionales Essen) und so gab es für jeden eine halbe Pizza mit viel Shrimps darauf und einen Salat dazu.

Den Abend verbrachten wir dann mit ein paar Spielchen des berühmt berüchtigten Räuberrommé in unserem Zimmerchen bei Joanne. Eigentlich könnte man auch Container dazu sagen. Vier Würfel Holzrohbau mit den Maßen zwei auf acht Inch, dazwischen vielleicht Isoliermaterial und darauf waren bei unserer Residenz Kunststoffpaneele geklebt. In hellbeigegelbbäh. Egal, der Ausblick und die kanadischen Sessel vor der Tür machten alles wieder wett.

Dienstag, 30. August 2016

Morgens weckte uns die Sonne und verführte uns zum Aufstehen. Nach dem üblichen Kaffee im Wintergarten von Joanne mussten wir packen. Ab jetzt ging es wieder in die andere Richtung. Quebec, das wir einige Tage davor nur kurz angekratzt hatten, wartete auf uns. Nachdem das Auto voll war (es wird irgendwie immer mehr statt weniger), wollten wir unseren Kaffee bezahlen. Das erste nicht gegessene Frühstück mit dem vielen Süßkram und die diversen Kaffes mussten ja bezahlt werden. Joanne winkte ab. Sie hatte wohl gesehen, dass wir mit dem petit dejeuner nicht so ganz glücklich waren und verlangte somit für gar nix was. Das gibt eine super Bewertung!

Nun machten wir uns auf zum Nationalpark Hautes Gorges. Christel hatte sich während des Kaffees im Führer verblättert und davon laut vorgelesen. Das war ein Fehler. Canyons, ein Fluss, auf dem man Kanu fahren konnte und laut Führer nur 3,50 $ pro Frau kostet? – das mussten wir sehen. Als wir nach lumpigen 60 Kilometern dort ankamen, erwies sich der Führer als etwas veraltet. Zusammen zahlten wir 17$ für das Betreten einer Schlucht. Ja, samt angelegten Wegen und asphaltierter Straße, schon klar. Irgendjemand muss das ja auch zahlen.

Wir fanden zuerst keinen Parkplatz, dann komplimentierten uns andere Touris weg (here only for campers), nach einem little walk to a view point a few meters up prangte ein handgeschriebenes Zettelchen an der Windschutzscheibe. „Voulez vou trallatralla“ Ich verstand nichts, nachdem die Schnörkelschrift entziffert war. Ehrlich, je ne comprenait rien du tout. Mir war’s ja wurscht, aber Christel wollte unbedingt unseren CABA hier wegfahren. Mais, wohin? „Komm, lass stehen,sie werden uns schon nicht abschleppen.“

Das Flüsschen strömte leise vor sich hin, bis zur Brücke. Dort rauschte es gewaltig an der schön betonierten Staustufe, aber bis dorthin konnte man Kanufahren. Wir mieteten ein Canou für eine Stunde und 19$ und paddelten gemütlich vor uns hin. Das Ufer war ziemlich langweilig, keine Blumen, keine Tiere. Ganze zwei Enten ließen sich beim Zurückfahren blicken. Bombastisch allerdings der Blick nach oben: 700 Meter empor ragten die Berge zu beiden Seiten, der tiefste Canyon Kanadas. Aber das muss ich noch einmal nachlesen

Auf der Weiterfahrt kamen wieder am Cyclorama Jerusalem vorbei, an den vielen Kirchen, deren Dächer und Türme wie von Zinn glänzten, ja schau da, weißt noch, und hatten plötzlich das Pornorama von Quebec vor uns. Was? Panorama muss es doch heißen.

Sylvie öffnete mit genau dem Gesicht die Tür, das wir von Airbnb kannten. Strahlend empfing uns eine in die Jahre und Kilos gekommene Dame in ihrem Faltschachtelhaus. Hier waren die Datschen allerdings mit wirklichen Klinkern verkleidet. So richtig aus Stein. Ich nannte mittlerweile die Häuserchens Datschen, weil sie wirklich wie Ferienhäuser wirkten, auf mich.

Sie zeigte uns ihren Enkel, der am 198Zoll-Bildschirm Totschießspiele machte, das Bad, unser Zimmer und die Küche. Jaaa. In der wollten wir heute endlich einmal kochen.

Im nächsten Supermarkt, 10 Minuten zu Fuß, kauften wir Kartoffeln und Fleisch, Salat hatten wir noch und dann ging‘s zur Sache. Sylvie: „Oh, viande de chevalier!“ Was wir als Angusrind gewählt hatten, erwies sich als Pferdlfleisch mit dunkelroter Farbe. Hätte aber auch vom Angus sein können. Hätte. Können. Geschmeckt hat es allerdings richtig gut mit den Backkartoffeln und der großzügigen Salatkreation.

Während die Familie sich lustig unterhielt und nebenbei weiterspielte und fernguckte, zockten wir beide wieder ein paar Runden Räuberrommé. Angenehm hier bei Sylvie.

Mittwoch, 31. August 2016

Wie gut, dass ich die rote Espressomaschine dabei hatte. Wir kochten unseren Espresso, als Sylvie dans la cuisine kam. Wir hätten doch ihre Maschine benutzen können. Beim Kaffee ratschten wir – auf englisch. Das war für mich auch leichter und Christel konnte etwas verstehen. Airbnb sei eine seriöse Firma, sie lebe quasi davon. Die Gutschrift käme am Tag der Abreise des Gastes mit ein paar Cent mehr oder weniger je nach Fremdwährung. Die Gäste seien allesamt ok, manche brauchten zwar eine Stunde im einzigen Badezimmer des Hauses, aber sie erdulde alles. Sogar die Küche teilte sie gerne. „J’ai cinque enfants!“ Ja, bei fünf Kindern ist man so einiges gewöhnt.

Nach einem Ei, Toast mit Schinken und diesem netten Plausch nahmen wir den Bus 800, warfen sieben Dollar in eine klingende Blechbox mit Schlitz bei der Busfahrerin, der conducteuse, und stiegen nach ein paar Stationen wieder aus, als ich eine Mauer gesehen hatte. Das musste sie sein, die Stadtmauer. War sie aber nicht. wurscht, wir liefen einfach einmal los.

Stufen über Stufen, 30°, die Suppe floss uns hinab, aber dann fanden wir uns vor der Zitadelle wieder. Drinnen ein Museum des 22. Regiments. Wer braucht denn sowas? Wir nicht und drum liefen wir lieber die promenade du général am Wasser entlang sanft wieder hinab zum Château Frontenac, einem imposanten Hotel, in dem die hohen Herrschaften dieser Welt schon genächtigt haben.

Weiter schlendern durch diese durch und durch französische Stadt. Als die Beine schmerzten, kam eine Kirche daher: Notre Dame. Papst Franziskus lachte von einem Bildschirm herunter und der vorherige Ratzl Benedikt sprach 2014 den berühmten Pater Francois de Laval von hier heilig. Das war ein gespinnerter Jesuit, den der Papst nach Kanada geschickt hatte, um die geistige Entwicklung Neufrankreichs zu überwachen. Er war so eifrig im Glauben, dass er sich keine Bettdecke und nicht genug Essen erlaubte und mit seiner deswegen angeschlagenen Gesundheit im Alter starb, weil er sich bei der morgendlichen Andacht auf dem Steinboden der Kapelle die Füße erfror. So steht‘s jedenfalls im Reiseführer, bei Wikipedia wird er nur als unermüdlicher Geistlicher beschrieben, wahrscheinlich hat den Text ein Jesuit geschrieben.

Ansonsten sind sie sehr fortschrittlich, die Kirchen hier: in die Seitenschiffe wurde das Geschehen am Altar per Flatscreen übertragen.

Es fing an zu regnen. Wir warteten eben eine kleine Weile unter der Markise eines Pubs (nein, ich wollte kein Guinness für 8 Dollar trinken), liefen dann vom Bergl der alten Stadt wieder hinab, kauften fürs Abendessen ein und …. fuhren nicht mit dem Bus 800. Wir liefen die zwei Kilometer in die rü bergemont zu Sylvie. Diese Busse, vorneweg haben sie einen Fahrradlständer. Wenn ein Gast mit einem solchen vehicül ankommt, schnallt selbiger einfach sein Gefährt auf den Frontständer. Sowas.

Überhaupt die Einkauferei: Das eau distillé stand direkt neben dem Trinkwasser (den ersten Fehlkauf dieser Art hatten wir Joanne gestern Morgen geschenkt – zum Bügeln). Die Maßeinheit sind hier lbs. Das sind 0,453592 kg. Und auf den Preis, der da steht, kommt immer noch die tax. Das ist von Land zu Land hier verschieden und höchst kompliziert https://de.wikipedia.org/wiki/Goods_and_Services_Tax , aber auf unsere Rechnung von 18,03 kamen beispielsweise 19 Ct. drauf.

Das viande chevaline gab es auch wieder, aber wir bevorzugten heute Schweinekotelett. Die Paprika waren auch im Angebot: 0,99 Ct./lbs. Mmh schlecker, ich freute mich schon auf das souper und unseren walk nach Hause. Drei Busse 800, die an uns vorbei rauschten, wiesen den Weg. Oh, doch eine Ampel weiter und 300 Meter mehr. Egal, so hatten wir uns das Abendessen wenigstens verdient.

Unsere family bereitete gerade ihr Abendmahl zu. Wir verzogen uns für ein Bierchen aufs Zimmer und frönten den Kontakten nach Hause, Kartenschreiben online und so. Ob Jean-Pierre denn unser Fleisch auch auf dem Barbeque machen sollte und ob wir unsere Fritten auch in der Fritttteuse fritttieren wollten und ob alles ok sei und ob wir Bier wollten. Wow.

Fürs Abendessen wollte ich mich umziehen. Überkopf zog ich das T-Shirt aus, da krachte es. Au! Ein Flügel des Deckenventilators hatte meinen linken Daumen getroffen, ich wollte erst gar nicht hinschauen. Weil noch ein Stück Stoff dazwischen war, blutete es nur moderat, aber der Finger schwoll auf der Stelle an, ich konnte es sehen. Eine Zeitlang saß ich nur da und litt. In deutschen Landen sind wir Blechplatten, die auf zwei Meter Höhe die Luft häckseln, einfach nicht gewöhnt.

Der Schwippsohn, son in law, der ältesten Tochter war auch da, der Enkel, der so gerne am TV fliegende Elfen schießen ließ, nicht. Zwei Kilo Boeuf gingen auf vier Tellern weg, auf unseren zwei 400 Gramm Pork, well done. Grillmeister Jean-Pierre meinte, nein, Schwein muss bei uns nicht durchgebraten sein, wir hatten seit 30 Jahren keinen Fall von Schweindisease. Meine Wortkreation. Zu sechst saßen wir am Tisch und dinierten. Zwischendurch pochte mein Daumen.

Der neue Schwiegersohn lernte hier in Quebec Gitarrenbau, wie die hier wohnende Studentin, die wir gestern schon kennen gelernt hatten - sie kam später und bekam auch noch etwas zu futtern. Weil Christel auch ein bisschen guitar playt, kamen wir nach dem Essen ins Gespräch. Ja, er kannte Hermann Hauser, auch wenn er es stranged aussprach. Erman Auser, sure. Der famous Gitarrenbauer from germany.

Niemand hier könnte Noten, Gitarristen spielten immer nur tables. Griffe halt, tja. Mmh. Geht auch.

Die ganze Zeit ging mir durch den Kopf, ob unsere Familien in deutschen Landen, speziell die mir bekannten, ein solches Leben aushalten könnten. Jeden Tag neue Leute von Airbnb, ein Student für ein halbes Jahr im Haus, ein Bad, eine Küche?

Sylvie und ihr Jean-Pierre mochten das so. Ganz besondere Menschen!

Donnerstag, 1. September 2016

„You don’t have a machine?“ erkundigte sich Sylvie bei Christel, als wir zu dritt am Esstisch saßen und Kaffee tranken. Sie las etwas in ihrem Tablet, ich tippte in den Schlappi und Christel hatte ihr Telefon oben liegen lassen. Aus Sylvies Kaffeemaschine kam köstlicher Espresso und weil wir gestern im Supermarkt auch an Milch gedacht hatten, war alles so richtig nach unserem Geschmack.

Die Sonne schien, die blinde Katze der Familie schon draußen und bis auf die lauten Motoren der vorbeifahrenden Autos war es himmlisch ruhig. Direkt vor dem Haus stand nämlich ein rotes Schild „Arret“. Auch wenn die Kreuzung einsichtig war und nur aus drei Straßen bestand, man musste anhalten. Losfahren durfte dann der, der als erster an der Kreuzung angekommen war. Kein rechts vor links oder so etwas. Weil also immer alle stoppen mussten (eigentlich ja bis zum wirklichen Stillstand), fuhren auch alle mit gut Gas wieder an. Dazu dann noch der Garbagecollector und der Schulbus. Ade, ruhige Wohngegend. Das Squirrel auf dem Ahorn ließ sich davon nicht stören und huschte von Ast zu Ast.

Wir setzten uns nach einer herzlichen Verabschiedung inklusive Umarmung seitens Sylvie in den CABA und flutschten nach Westen. Die Autobahn was really boring, but wir machten einen schönen Stop in Portneuf. Die hiesige Flussmarina war mitten im Strom, verbunden durch eine Straße. Wir frühstückten dort in der Morgensonne und einem bissl einer Brise dabei Schinkenbrot, Gurken und Ei, morgens in Sylvies Küche gekocht. Auf dem St-Lorenz-Strom kam ein Frachter hin, einer her und dazwischen drei oder vier Segler.

Weiter nach Montreal. An der Stadt vorbei lotste uns Anna. Du erinnerst Dich, das ist die Stimme des Navis, ohne das wir hier ziemlich aufgeschmissen wären.

St. Eustache wäre doch noch ein schöner Abstecher, bevor wir bei unserem nächsten Gastgeber aufschlagen? In St. Eustache tobte 1837 ein richtiger Krieg zwischen den Franzosen und den Engländern. Die Frankophonen fühlten sich übervorteilt, weil sie kein Land mehr kaufen durften und dann rummste es. Das Örtchen wurde im Reiseführer als eine blöde Ansammlung von Häusern verkauft, aber bei näherem Hinsehen bot es doch Etliches. Am tollsten fanden wir die Hauswandgemälde. See pictures!

Wie schon in Trois Rivière, stand auch hier ein Klavier public. Die Alten der Seniorenresidenz gleich nebenan saßen auf den Bänken und hätten allzu gerne gehabt, dass jemand Musik gemacht hätte, aber ich klimperte nur einen Dominantseptakkord und dessen Auflösung und ging weiter. Bin ich doof. Aber ich kann nun einmal nichts ohne Noten.

Keine zwei Kilometer weiter waren wir für diese Nacht zuhause. In einer Siedlung mit Faltschachtelhäusern wohnte Leona. Leona Pereia, ursprünglich aus Sri Lanka. Sie empfing uns herzlich, wie alle Gastgeber von Airbnb. Komisch, die kannten uns doch alle nicht und überhaupt waren sie kein Hotel. Die Menschen sind hier anders.

Pereia hieß sie wegen der portugiesischen Vorfahren in Ceylon.

Die Küche war zwar überkomplett ausgestattet mit siebenfachen Pfannen und pots and Deckels and so, aber a bissl speckig. Wir spielten erst auf der Betonveranda hinterm Haus ein ausgedehntes Rommé. Bevor wir die Kartoffeln kochten, scheuerte Christel zwei Minuten den auserkorenen Topf. „Schaug amoi, wos do in zwoa Minutn ois owagät, des hättma scho lang amoi macha kenna!“ Wir richteten den Salat auf die Teller und als die Salzkartuschtis fertig waren und die Dose mit dem Saumon auch offen, dinierten wir vorzüglich.

Leona told us something about her life. Sie hatte das Haus vor zehn Jahren für 150.000 Dollar gekauft. But now wäre es 350 thousand wert, because of the train, der nur 35 Minuten nach Montreal braucht. Tja, wie Petershausen - München halt. Sie behauptete ja, dass ihr Haus als einziges in der Siedlung eines aus Stein sei. Wenn ich aber die aufgepappten Klinker von der „Mauerstärke“ abziehe, komme ich nur auf maximal 12 Zentimeter. Wie geht das?

Leona kochte: Zwiebeln in Kokosnuss, rote Reisnudeln aufgesteamt, dazu turkey. For my son, she explained. Selbiger war der letzte von drei Kindern, 18-jährig und noch im Haus. Ist das nicht lustig. Kommst irgendwo hin auf dieser Welt, wohnst bei den Leuten über Airbnb und lebst halt so mit. Ich finds toll.

Und dann kam die Vorstellung: die Dame aus Sri Lanka holte all ihre Eroberungen aus dem Tresor. Schmuck über Schmuck vornehmlich aus Westgermany zeigte sie uns mit wachsender Begeisterung. West Germany. Den Eindruck dieses Abends auch nur annähernd wiederzugeben wäre ….

Sie steigerte sich in einen Rausch von Ekstase hinein und wir versuchten, uns auch sehr excited zu geben.

Lustige Bekanntschaften here in canada.

Freitag, 2. September 2016

Beim Kaffee lachten wir schon sehr, als wir für die beiden letzten Nächte ein Zimmer suchten:

Dieses Zimmer befindet sich im zweiten Stock des 18. Jahrhunderts Bauernhaus. Es kommt mit; ein Doppelbett, Heizleisten, Ganzkörperspiegel, und das Fenster blickt über die Rückseite des Teils unseres Eigentums bewaldeten zurück.
Unser Haus ist ein gemütliches rustikales Bauernhaus und ist ein großes Wochenende und doch so nahe an der Stadt. Fast 300 Morgen und immer noch nur ein 7 Minuten Fahrt in die Innenstadt oder das Dorf im Blue. Wir versuchen unser Bestes, um unserem Land zu leben, wir unser Eigentum Futter und unser eigenes Fleisch Tiere erhöhen und oft von unseren Freiland-Kaninchen begrüßt bekommen und Legehennen, wenn wir nach draußen gehen. Wir neigen dazu, unsere großen Gemüsegarten im Sommer und genießen Lagerfeuer und Grillen mit Freunden und Familie, die unsere Gäste sind immer mehr als glücklich, Sie sind gefragt!
Wir empfehlen auf jeden Fall unsere Gäste einen Blick zu haben rund um die Immobilie. Jeder liebt Ausgehen, um die Tiere zu treffen und ihre eigenen (mehrfarbig) Eier holen, oder zu Fuß zum Silver Creek oder zurück Scheunen, wandern durch den Wald. 
Innerhalb Gäste sind mehr als willkommen, die Küche, Ess- und Wohnzimmer zu verwenden. Das Haus teilt sich ein Badezimmer, das eine Dusche und Badewanne. 
Wir haben ein Kleinkind, also wenn jemand mit ihrem Kind kommt (ern) haben wir viele Spielsachen und kinderfreundliche Filme (die Disney-Klassiker auf VHS ).
Wir sind eine sehr freundliche Familie und Liebe, die Interaktion mit unseren Gästen. Wenn wir einen Grill mit Freunden haben würde ich gerne für unsere Gäste in beitreten, wenn sie wollen. Aber wenn sie gerade brauchen einen Ort für die Nacht zum Absturz zu bringen, das ist auch in Ordnung ist, und wir werden Ihren Raum respektieren.
Wir teilen das Grundstück mit einem anderen Haus. Das ist wirklich unser einziger Nachbar, jeder sonst zu weit weg ist, zu sehen. Sie halten sich selbst und sind in der Regel sehr ruhig.
Es gibt nicht eine Buslinie direkt in unserer Nähe, aber Sie können auf jeden Fall ein Taxi zu und von unserem Haus zu bekommen.
Wir haben ein kleines Kind, er ist in der Regel ein sehr glücklicher Mensch, wenn die Leute um, aber jeder hat Tage ihr weg, und das unvorhersehbar sein wird, so dass wir zu entschuldigen, wenn er im Voraus verschroben. 
Wir haben zwei Scheune Katzen, die sehr freundlich sind und in der Regel außerhalb bei schönem Wetter bleiben aber auch gerne Leute zu treffen und neigen dazu, in schleichen hallo zu sagen, wenn die Gäste auftauchen. 
Unsere Schokoladenlabor ist super freundlich, sie ist in der Regel immer an eine E-Kragen angeschlossen, so dass sie nicht da, wo Menschen Park gehen kann. 
Unsere Einfahrt ist 600 m und Kies. Wenn wir eine Menge regen oder in einem großen Tauwetter haben schafft es Schlaglöcher, die in der Regel nicht sehr schlecht sind. Wir halten die Einfahrt so gut wie wir das ganze Jahr über, aber ich werde den späten Winter und Frühjahr erwähnen wird immer schlimmer, weil wir um Mutter zu arbeiten Zeitplan Naturen. 
Unser Haus verfügt über eine Klärgrube und einen Brunnen. Wir empfehlen Ihnen nicht, neue Leute das Brunnenwasser zu trinken, und seien Sie sehr darauf achten, was die Kanalisation und WC untergeht. Die Rostflecken sind ein Vollzeit, wir versuchen unser Bestes, aber sie werden immer immer wieder kommen.

Na, wir sind gespannt auf Britannys Bauernhof in zwei Tagen.

Nun ging es wieder auf die Straße, wir wollten nach Ottawa, der Hauptstadt Kanadas. Die Navistimme lockte mit süßer Stimme auf die Autobahn. Nein, liebe Anna, wir wollten ja etwas vom Land sehen und blieben drum immer am Wasser. Gleich nach Montreal kam da ein Ort namens Oka daher. Hier provozierten einst die Neukanadier die Ureinwohner, aber wie. Sie wollten ihren Golfplatz erweitern und dafür eine Begräbnisstätte der Indianer glattbügeln. Die first nations, wie sie heute genannt werden, verloren das Hickhack, aber wenigstens war dadurch die Aufmerksamkeit für ihre Belange geweckt. Unglaublich!

Im Ort selber war nichts los, die history selbst war ja schon seit etlichen Jahren vorbei, wir spazierten halt ein bisschen herum und fuhren dann ein paar Kilometer durch den Mininationalpark (ein Eingang dazu rechts, einer links), an dessen Ende die Abbaye cistercienne d’Oka lag. Natürlich war die Kirche zugesperrt, wie immer, aber wenigstens der Klosterladen der Trappisten war interessant. Reste der Hostienherstellung fanden sich da eingetütet, allerlei Käse, Schokolade, Gebäck und pikante Wurststückchen zum Probieren. Sie waren gebraten und warteten heiß mit einem Zahnstocher im Leib auf ihre Degustation. Ich degustierte vier Mal und kaufte schließlich eine Packung.

Auch die nächsten 60 Kilometer gaben außer den kleinen Faltschachtelhäusern in allerlei Facon nichts her. Mal waren sie wieder mit roten Klinkern verkleidet, mal horizontal mit Plastik oder wahlweise Blechpaneelen beplankt und dann protzten die Hauswände mit Felsstücken. Alles potemkinsche Häuser, außen individuell, innen alles aus dem gleichen Holzsteckerlaufbau. Zwei Häuser im Rohbau links der Straße: ja, hier sahen wir die immer gleichen Latten, die geschickt zusammen konstruiert, die Last aufnehmen konnten, eigentlich ganz schlau. Aber warum kosteten die Häuser dann soviel? Leona hatte uns ja von den Hauspreisen erzählt. Komische Welt.

Ein Weingut lotste uns mit Schildern auf seinen Hof. Im Laden eine Dame, die sich aus ihrem Französisch gar nicht hinausbewegen wollte. Mehr recht als schlecht sprachen wir dann doch englisch und sie machte uns dann als erstes eben in dieser Sprache klar, dass wir drei Proben bekämen, wenn wir mindestens zwei Flaschen kauften.

Gatineau . Der Ort war unser Ziel, und zwar die 1717, rue Schryer. Hier kommen ja die Hausnummern immer vor der Straße, gell.

Angelina öffnete die Tür, eine Mittfünfzigerin mit starkem Lidstrich. „Here is the common area“ stellte sie ihr Wohnzimmer mit Küche vor. Kein Fernseher, nur ein großes Ledersofa, ein Esstisch und eine aufgeräumte Küche samt den riesigen Geräten. Überdimensioniert würde ich Ofen, Kühlschrank und Geschirrspüler bezeichnen. Für einen zehnköpfigen Haushalt, ja, aber bislang erlebten wir nur ein bis fünf Menschen in einem solchen. All was big in Kanada. In diesem Haus in Gatineau war es auch das Badezimmer.

Wir setzten uns an den Pool, klares Wasser, blauer Boden, rundrum ein Lattenzaun, der uns ein wenig von der Straße abschirmte, und tranken eine kleine Dose des Bieres.

Mit dem Brasilianer, der das Zimmer neben uns hatte, kamen wir beim Kochen ein bissl ins Gespräch. Mit fünfzig machte er gerade in Ottawa seinen Master in was weiß ich, hatte vor, seine Kinder nachziehen zu lassen und war ein netter Kerl. Er erzählte: Als er hier angekommen war, hatte er immer ängstlich nach rechts und links geschaut, ob nicht von einem Menschen Gefahr drohte. Hier in Kanada hätte er diese Angst abgelegt. Liebes Ei, wie gut haben wir es da in deutschen Landen!

Never open a window, gab uns Angelina noch mit. Why? Weil sonst die Klimaanlage ja umsonst powern würde. Hä? Es war schon September, die Luft war kühl, wozu ließ sie denn die Klimaanlage laufen? Die Türen wurden sofort wieder geschlossen, wenn jemand in den „Garten“ lief.

Die spicy Würste, die wir im Trappistenkloster in Oka gekauft hatten, mundeten wirklich. Wow, mit den restlichen Kartoffeln in der Pfanne und einem großen Salat vorneweg, mmmmh.

Ich verlor schon wieder im Räuberrommé!

Samstag, 3. September 2016

Heute stand Ottawa auf dem Reiseplan. Die Hauptstadt des zweitgrößten Landes der Welt, ist es nur, weil Königin Victoria, die olle, ein paar Landschaftsgemälde der Gegen gesehen hatte und entschied, an diesem Fluss Ottawa solle die neue Capitale sein. Die Honoratioren von Toronto und Montreal hätten ihr dafür die Augen auskratzen können, aber sie war schließlich der Boss des Empires, das sich hier das Land einfach einverleibt hatte.

Mit unserem CABA kurvten wir ausnahmsweise auf der Autobahn A50 eine kleine Viertelstunde lang, parkten dann in einem Wohngebiet, liefen 5 Minuten und waren mittendrin im Gewühl der Hauptstadt. Die Kirche hieß, wie überall, Notre Dame, war neugotisch und richtig schön. Gott sei Dank hatten die Kanadier den bayrischen Barock nicht nachgeahmt, ich glaube ja, sie kannten ihn nicht einmal, gut so.

Die Gotik strebt nach oben, ja, der Kirchenhimmel war gespickt mit Sternen. Christel meinte, es sei zu symmetrisch. Wurscht, auch die gemalte Marmorierung der Säulen war nicht gut geglückt, aber insgesamt gefiel sie uns, die Kirke.

Der Himmel blaute und wir liefen Richtung Rideau Kanal. Kennste nich, lieber Leser? Tja. Seit 2007 ins Weltkulturerbe aufgenommen, ist dieser Kanal die Verbindung vom Sankt-Lorenzstrom zum Ottawariver gebaut worden. Und zwar warum? Damit der Nachschub im vorhersehbaren Krieg gegen die Amis gewährleistet war. Wir lernten so viel über die Geschichte, die uns nicht bewusst war. Wer interessierte sich denn in unseren Geschichtsbüchern für die Belange Kanadas? Niemand.

Die fünf Schleusen, die von der Ebene des Parlamentsgebäudes bis zum Ottawa gebaut wurden, müssen von vier Menschen bedient werden. Zwei auf jeder Seite kurbeln permanent Schleusentore auf und zu, machen Schieber auf, die das Wasser wegfließen lassen und pfeifen Leute weg, die sich erdreisten, über eine bestimmte Linie zu nah ans Wasser zu treten. Zum Beispiel mich.

Nur, weil ich es wissen wollte, fragte ich eine schmuckbehängte Lady am Vordeck eines größeren Motorboots, ob das Schleusen etwas koste. „Ask my husband!“ war die answer, aber dann fing sie an zu denken. 150 Dollar für eine Woche Flussfahrt samt Schleusung wären es. Sie würden heute mit Freunden eine Nacht im Fluss ankern und dann heim nach Montebello. Aha.

Das Parlamentsgebäude ist England pur. Der BigBen schlägt wie in London, die Erker und Türmchen, die Steinmauern. Endlich einmal etwas aus Stein.

Das Leben pulste und wir mittendrin. Der Eintritt auf den Turm und ins Regierungsgebäude wäre ja frei gewesen, wenn die 2000 Tickets im Kontingent nicht schon aufgebraucht gewesen wären.

Wir stromerten weiter. Im Marché, einem großen Viertel mit Ständen, Markthallen und Restaurants, gab ein Straßenkünstler seine Vorstellung. Eine halbe Stunde bestimmt hockten wir auf einer Bank und schauten Paul, so sein Name, gebannt zu.

Neben mir ein Schnapsausdünstender mit Wodkaflasche im Anschlag, im Publikum Leute aller Couleur, Paul ein Künstler der Akrobatik, ich muss schon wieder „Wow“ schreiben.

Dieser Paul war Meister des Rades. Er trat in den Metallreifen, nahm Schwung und wirbelte über den Betonboden. „So many times I broked my fingers and my knees were bloody!“ feixte er, der Paul. Es war eine Freude, ihm zuzusehen und seine Späße mit zu machen. Ein holte sich eine junge, bleiche Frau aus dem Publikum, übte mir ihr ein paar Umarmungen, die verdächtig nach Sex im Stehen aussahen und sparte sich das Kunststück mit ihr für das Finale auf. Sie sollte sich an ihn klammern, mit Armen und Beinen umfassen wie ein Äffchen und dann stieg er mit ihr in das Metallrad. Tatsächlich wirbelte er dann genauso schnell und wild herum wie vorhin alleine und als er nach zehn Runden das Komplettpaket zum Stehen brachte, taumelte die Arme wie betrunken auf dem Pflaster herum. Er konnte das Gleichgewicht sofort wieder finden, das war uns vorher gar nicht aufgefallen, schon wieder WOW!

Wir schlenderten gemütlich zu unserem CABA zurück, der im Schatten gewartet hatte, brav! Nach einer Viertelstunde waren wir zurück bei Angelina, der Kolumbianerin, die in ein paar Jahren wieder nach Hause wollte und am liebsten spanisch mit uns gesprochen hätte. Das Bier am Pool schmeckte wieder und dann bruzzelten wir ZwiebelPaprikaZucchini zu zwei großen Rindersteaks. Und ich verlor wieder, aber nur knapp.

Sonntag, 4. September 2016

Wir hatten noch eine Unterkunft für die nächsten zwei Tage gefunden. Brittany mit dem interessanten Bauernhof hatte nämlich abgesagt. Christel hatte seit zwei Tagen versucht, über Airbnb etwas Bezahlbares zu finden und als sie gestern in der Pampa unterhalb des Algonquinparks etwas gefunden hatte und buchen wollte, kam sie aus der vermaledeiten depperten Verifikation nicht mehr heraus. Das Zimmer war in der Zwischenzeit blockiert und für mich nicht mehr zu erreichen. Nein, über 100 Dollar wollten wir einfach nicht bezahlen und drum warteten wir eben die Frist ab, nach der die Anfrage verfallen sollte.

Vorsichtshalber hatten wir Angelina gefragt, ob wir noch eine Nacht länger bleiben könnten, als sie wie gestern schon mit Kaffee und zwei Pillendosen in der Hand zum Pool verschwand. Bei unserem Milchkaffee fand ich dann aber ein günstiges Zimmer bei Robert für 40 Dollar und schlug zu. Haliburton hieß der Ort, zu dem wir nun aufbrachen. Trotz des Sonntags hatte der Metro geöffnet, wir fassten nach: Wasser, Gemüse und Tacochips mit Dip. Wir wollten auch einmal etwas Ungesundes essen.

Wir fuhren wirklich viele Kilometer auf dieser Reise, über zweitausend hatten wir schon abgenudelt. Auf einem Schild stand zu lesen: „Speed fines are doubled, when workers present!“ Was hieß den “fine”? Im Offlinewörterbuch der App „Linguée“ schauten wir nach. Englisch fine bedeutet: fein, gut, schön, Geldstrafe, Bußgeld. Soso.

Manche Bäume fingen an, sich zu färben. So bekamen wir wenigstens eine Ahnung vom indian summer, aber warme Temperaturen waren uns jetzt doch lieber. Es hatte 25 Grad, nur ein paar Zirren zogen sich am Himmel, CABA sauste brav mit 100 km/h und die Navistimme belustigte uns wieder mit „HaWelypsilon“, wunderbar. Wie schon eingangs beschrieben, meinte sie den Highway, HWY.

Bei Renfrew links abbiegen auf die 60, nun ging es richtig ins Nirgendwo. Vor dem Nirgendwo kam noch ein Walmart und ein Tim Hortons daher. Kaffee! Aber nicht der richtige Ort für unseren Snack: Joghurt und Pfirsich. Ein paar Kilometer weiter mitten im Wald ein kleiner Rastplatz mit idüllischem See. Schnell alles hergerichtet und dann geschleckt. Beim Teller waschen wurde uns der Name des Sees klar: Lake Frog. Ein kleiner Frosch schaute unserem Treiben zu und hat sich sogar noch streicheln lassen. Endlich ein Tier! Wildniss! Juchee – jetzt fehlen nur noch Elch, Bär und sonstige Kleinviecherl.

Um fünf kamen wir nach endloser Kurverei in Haliburton an. Irgendwo im Niemandsland, 17000 Einwohner, das macht 4,2 auf den Quadratkilometer. Ojojojojo! 23, Maplestreet, das Haus lag an der „Hauptstraße“ und Robert öffnete die Türe, noch bevor wir die Treppe, mit a little Grün bewachsen, hinauf gestiegen waren.

Die Treppe hoch, rechts rum, da war das Bad, die Küche und unser Zimmer. Sehr urig. Die Türen waren neu in alten Stöcken, und die Zimmerwände aus dunkelgrünem Holz. Interessant die Übergänge. Zwischen Wand und Decke kaschierte eine dicke Kordel den Spalt. Das könnte man sich merken.

Aber die so titulierte Küche, was war das? Eine Mikrowelle, ein Minibackofen, eine Kapselkaffeemaschine und eine nachträglich hingebaute Spüle. Was nicht alles geht.

Nach einer Stunde kamen andere Gäste an, in der sogenannten Suite.

Also für Dich, lieber Leser. Es war ein Haus mit fünf Zimmern, zwei Bädern, einer Küche, die obere war ja keine und einem Garten, der aus einem Wiesenhang bestand. Im Norden.

Wie sollten wir denn mit einem Mikrowellengerät und keinem sonstwas die Backkartoffeln mit Gemüse machen, zum Kuckuck? Oh, dieser Robert samt Frau und Kind waren gar nicht mehr da! Das Küchenwohnzimmer sah verlassen aus, na fein. Es gehörte ja auch zu der „Suite“ und somit nicht uns. Bloß, in den Schränken war auch nichts. Keine Pfanne, keine Teller, keine Gewürze, nix. Wir hatten das Nötigste ja dabei und einen Topf hatten sie wohl vergessen, rauszutun. Mehr recht als schlecht zauberten wir unser Essen und plauderten mit Heike und Uwe aus Frankfurt, die gerade erst in Kanada angekommen und Mieter der „Suite“ waren. „So eine Verarsche!“ war ihr Kommentar.

Der Eigentümer war eben nicht da und kommunizierte viermal per SMS mit mir. Airbnb, das war nix, aber in dieser Gegend hier war es mit 54 € pro Nacht noch das billigste und niemand weiß, warum.

Montag, 5. September 2016

Kaffee konnte man das Gebräu aus dem Kaffeekapseltralla nicht nennen, aber nachdem wir unseren Espressokocher, italienisch, angeschmissen hatten und zwar in der Küche unten. Der Suiteküche. Es war schon halb elf, Urlaub halt.

Robert, unser Chefverarscher, nein, sowas darf man doch nicht einmal denken, hatte uns auf die Frage, wo denn hier ein Kanu zu mieten sei, einen Link geschickt. Zu dem Hikefestival 2016 in zwei Wochen. Hä?

Wir stiefelten halt los und fanden sogar am heutigen Tag der Arbeit (eigentlich alles geschlossen) einen Laden mit Gewehren, Angelzeug und Outdoorzeugs offen. Ein Canouverleih? Nächster Ort, rechts abbiegen, nach 1 km wär‘s da. Aha. Wir holten den CABA, fuhren zur nächsten Ampel (eine Ampel im Ort mit 37 Häusern, wow) und gewahrten einen Laden namens Algonquinparkoutfitter. Mal probieren.

Trotz Labourday war der Laden auf und nach knapp einer halben Stunde hatten wir auch schon ein Canou. Mindestmietdauer 2 Tage, Lifewests mussten wir dazu mieten, wir könnten ja ins Wasser fallen, zum Strand tragen müssten wir es selber.

Der Guy prüfte das Kanu durch Herumnackeln an Sitzen und Querstrebe, ich fotografierte noch schnell einen kapitalen Kratzer im GFK und schon durften wir mit dem Sportgerät hinfort. Bis das Auto wieder vor der Maplestreet 23 stand und die Rucksäcke umgepackt waren, war es kurz vor eins.

Wir trugen das Kanu zum Head Lake, 300 Meter vielleicht, stoppten drei Mal, wechselten die Arme und waren schon fix und alle, als wir ins Gefährt einstiegen. Ich hatte im Laden den Ausschnitt der Karte fotografiert, den wir brauchten und dann war schon klar, warum unser See Head lake hieß. Nach Norden ging es nicht mehr weiter, aber auf der anderen Seite gingen die Seen über kurze Kanäle reihenweise ineinander über. Wir paddelten jede Ecke aus  „können wir mal die Seiten wechseln?“ und wunderten uns nach über einer Woche Kanada immer noch über die kurz gestutzten Wiesen der Häuser. Auch, wenn niemand da zu sein schien, der Rasen sah aus wie ein Golfplatz. An einem der Privatschwimmstege, wo niemand zuhause zu sein schien, hielten wir, stiegen aus und spielten ein Schach. Zur Abwechslung und Entlastung der Schultern. Christel gewann: „Ich hab’s mal in der Schule gespielt.“

Dann waren wir im Lake mit dem lautmalerischen Namen Kashagawigamok. Ist doch ganz leicht zu lesen, nach dem vierten Versuch klappt es schon, lieber Leser. Bis 18 Uhr waren wir auf dem Wasser, hatten leicht rötliche Schultern, zwei Schachspiele auf Schwimmstegen gespielt und waren jetzt seesatt.

Das Canou stemmten wir dieses Mal überkopf und trugen es die hundert Meter zu unserer Unterkunft in der 23, Maplestreet, Haliburton. Hinter der Garage konnte es niemand sehen, es wäre schon dumm gewesen, wenn wir es hätten bezahlen müssen, weil es jemand genommen hätte.

Heute gab es Pellkartoffeln aus dem einzigen Topf in Roberts Küche und Schollenfilets aus dem Minibackofen in der Küche im ersten Stock. Der Salat war noch das Einfachste.

Heike und Uwe hatten trotz Feiertag einen offenen Metro gefunden und schmatzen Salamibrot. Ihre „Suite“ war ihnen für 100 € verkauft worden. Drei Tage samt Tax 333,- Euronen. Hier im Nichts, gesprenkelt mit Teichen, teils so tot, dass die Bäume  darin ein trauriges Bild abgaben.

Dienstag, 6. September 2016

Die Kaffeekapseln waren aufgefüllt und eine neue Tüte Bagels hingelegt worden. Dieses Mal mit Rosinen. Eieiei!

Mit den Frankfurtern hatten wir besprochen, dass sie den Rest unseres zweiten Kanutages übernehmen, starteten schon um neun zum Vormittagspaddelschlag. Der Head lake lag noch still da, nur ein paar Enten zogen ihre Kreise. Christels erwarteter Muskelkater war ausgeblieben und wir stachen wieder frisch ins spiegelglatte Wasser.

Für elf hatten wir die Schiffsübergabe vereinbart. Im Office des Algonquinoutfitters englischten Uwe und ich dem jungen Mann aus, das wir die Miete teilten. Uwe musste etliche Papiere unterschreiben und dann durften die beiden auch aufs Wasser.

Ein kleiner Markt wurde emsig aufgebaut. Es gab Brot, alles weiß natürlich, Gemüse, Töpferwaren, fertiges Essen und Salzmischungen. Christel hätte gerne zwei Päckchen davon gehabt, bekam sie aber nicht. „I’m so sorry, but the market opens at 12!“ Es war dreiviertel, aber weil wir heute 250 Kilometer vor uns hatten, wollten wir wegen 50 Gramm Salz nicht warten.

Unser CABA kurvte brav an toten Seen entlang, dann an lebendigen mit Stegen vor den Häusern und gaanz langsam fingen die Bäume an, gelb zu werden. Die Blätter.

Jeweils an den Kreuzungen hatten sich fünf bis zehn Häuser gesammelt, sonst tauchte so zirka alle 500 bis 1000 Meter eines auf. Man kannte es vor weitem am kurz geschnittenen Gras.

Am Lake Simcoe rasteten wir von den vielen Kilometern auf Straßen, die nur 60 oder 80 erlaubten. Dieser See ist so groß wie der Bodensee und bot uns einen wunderbaren Platz, drei Kilometer von der Hauptstraße entfernt, mit einem Holzbänkchen und einem Parkplatz 50 Meter weg. Perfekt für unsere Tacochips, die wir seit Tagen mit uns herumfuhren. Der Hotdip war für mich, Christel hatte sich denselben morgens mit Frischkäse gemischt. Das sah zwar scheiße aus, schmeckte aber viel besser als die Salsa alleine. „Komm, bis zu den Knien können wir doch ins Wasser gehen.“ Es hatte schon wieder 32 Grad, ja. Wir holten die Wasserschuhe aus dem Auto und wateten in den Lake Simcoe, 744 km². Ah ja, der Bodensee hat 536 km². Gerade gegoogelt. Hier in Kanada ist eben alles größer als sonstwo.

Nach komplizierten Wegen, nummerierten Straßennamen, ewig langen Strecken und etlichen Staus, langten wir dann endlich in Burlington an. Hi, whats on? Ein Dollarama ging her. Und das, drei Straßen vor Gerlindes Haus. Nichts wie rein, wir waren eh zu früh dran.

Für Halloween zuhause in Bayern kaufte Christel die schon erwähnten Bluttransfusionsbeutel mit Kirschsirup drin, Augäpfel zum Lutschen und Gebisse aus Gummi. Ich hatte eine scharfe Soße im Einkaufskorb.

„Das Essen ist gleich fertig!“ Zehn Minuten bekam ich noch, um im Minigarten mit dem ungemähten Gras (du wirst nie eine gute Kanadierin), ein wenig der Ruhe zu genießen. „Extra wegen dir habe ich sqashed spaghetti gemacht.“ Ich, ratlos. Es war ein Spaghettikürbis, im Ofen gebacken, der sich richtig nudelartig aufdröselte, wenn man mit der Gabel kam. „Für alle, die keine Nudeln mögen!“ Natürlich gab es auch normale Spaghetti mit Fleischsoße. So eine Familie ist schon spannend, aber kann auch anstrengend sein.

Wir drei Weiber, ohne Kinder und Mann, machten im Dunkeln noch einen walk through the streets and parks und waren um neun zur zweiten Flasche Wein wieder am Tisch vor dem Haus. Zwei Waschbären huschten beim Nachbarn über den Vorgarten.

Mittwoch, 7. September 2016

Auf dem HaWellYpsilon 401 sprinteten wir nach Toronto City, immer achtend, dass wir nicht zufällig auf die 407 kamen. Das ist nämlich die (ziemlich leere) Autobahn für die Betuchten, die einzige, die richtig Geld kostet. Wer also Kohle hat, kommt schneller voran. Wir verabschiedeten uns von unserem CABA, braves Auto und gaben in der 220, Wellington den Schlüssel zurück. Der Mietautomensch schaute in seinen PC und sagte: „Zero Dollar!“ „For what?“ Wenn jemand von Dollar spicht, meint unsereins gleich, er müsse etwas bezahlen. Nein, er las nur vor, was unter dem Doppelstrich stand.

7,6 Liter auf hundert Kilometer im ganzen Durchschnitt hatten wir verbraucht, das ging eigentlich. Sprit hatte zwischen 90 und 100 Ct. gekostet. Noch einmal für den geschätzten Leser: ein Kanadadollar entspricht 0,7 €.

Dann trempelten wir durch Toronto, wir trampelten, nein, wir schlenderten directliy zum harbour. Das waren 10 Minuten und wir schwitzten ab da bei 30 Grad vor uns hin. Jesus, und dabei hatte Gerlinde gemeint, in der Stadt seien es immer 3 Grad weniger als am Land. Ich hatte mich gewundert. „Ja klar, in der Stadt kommt die Sonne doch gar nicht auf den Boden.“ Davon hatten wir heute nichts gespürt, und um dem ein bisschen auszukommen, fuhren wir auf den CNTower.

Dieser Canadian National Tower ist doch tatsächlich der höchste Turm dieser Welt, mit seinen 533 Metern. Halt falsch: der Burj Khalifa in Dubai ist seit 2010 das höchste Dings, diese Araber!

Als wir die Tickets für 35 Dollar pro Mensch gelöst hatten plus tax waren es dann 39, standen wir auch schon im Aufzug und hui, ging‘s es mit 22 Stundenkilometern nach oben, schlucken! Nochmal schlucken, Ohren auf.

Wow! Diese Aussicht ist nicht zu beschreiben. Wir beobachteten eine Weile den Fluplatz auf den Islands gleich gegenüber. Dieser City Airport war very frequented. Von 460 Metern Aussichtsplattform sahen die Starts und Landemanöver wie aus dem Schulbuch aus.

Die Wolkenkratzer kratzten heute keine Wolken, sondern träumten im Dunst unter uns von sich hin. Über uns gab es noch ein Stockwerk für die Todesmutigen. Seit 2011 oder so gibt es den CNTower Edgewalk. Für lumpige 195$ könnte man ja in einem Klettergeschirr an einer Vorhangschiene angehängt oben auf diesem Wahnsinnsturm pseudomäßig in die Tiefe schauen. Das brauchten wir heute nicht, wir könnten uns ja daheim auch auf den Kranzhorngipfel stellen. Das wäre jetzt in Bayern, Inntal, Anfang des Inntals überhalb Nußdorf, gell. Ich schweife ab. Auf den Kranzhorngipfel stellen und vorneüber kippen, das wäre ungefähr das gleiche, nur höher. Schätzungsweise 800 Meter freefall. Aber das will keiner, nicht einmal umsonst.

Gerlinde erzählte gerade, wie sie ihren Uli kennen gelernt hatte. Beim Bierbichler in Rosenheim. Die Fischküch in der Innenstadt, wenn man Rosenheim als Stadt betitulieren kann. Für Dich, lieber Leser: Gerlinde erzählte auf der Vorhausveranda aus ihrem bunten Leben, während ich an diesem Bericht tippsle.

Toronto weiter. Als wir nach zwei Stunden wieder am Boden waren mit dem Hochgeschwindigkeitsaufzug, der ja eigentlich jetzt Abzug heißen müsste, stand die Temperatur immer noch bei 35 Grad. Jetzt aber ohne Luftzug. Puh.

Wir waren ohne Geld mehr, die Dollars waren aufgebraucht. Wo war denn die nächste Bank? Die nächste Bank tauschte aber unsere 100 Euro nicht, da müssten wir zu einem Currency Change, Queensstreet. Wir liefen einfach los.

Die location lag am Anfang der Chinatown, dahin wollten wir sowieso. Hier war es lustig. Die Straßenschilder kündeten die Namen zweisprachig, wie in Südtirol. Nur war es hier englisch und kanton. Nach einem kleinen Gemüserührei um neun hatten wir jetzt richtig Hunger. Wir fanden einen Chinaladen mit Enten im Schaufenster. Nix wie rein!

Die Bestellung: Chicken mit Rice, Duck soyasauce und eine Soup mit Kutteln und Zunge. Die kleine chinesische Bedienung runzelte die Stirn, deutete auf ihren Bauch und dann auf ihre Zunge. Ob ich das wirklich wollte? Ich nickte.

Mei, des war guat. Die Zunge war slowcooked, sie schmeckte fast nicht mehr nach Zunge, war butterweich und toll, I never smelled this. But lekker, wie man in Bayern so sogt. Die Kutteln waren essbar, aber halt geschmacklos. Wurscht, meine Bowl war samt den 200 Gramm noodles leer. Guat wars.

Weil Christel mit ihrem Hendl mit der schlabberigen Haut nicht so recht zufrieden war, fragten wir, ob denn die duck in Vergessenheit geraten wäre. Wir bekamen schließlich ein paar Häppchen dieses toten Tieres, zahlten 20 Dollar für alles samt einem Kännchen Tee und waren ganz happy.

Ein grüner Zug von GO (Government Ontario) brachte uns nach Burlington zurück, Gerlinde holte uns von der station ab (lies: steischön, gschlampert glesn) und nachdem das Gewitter vorbei war, saßen wir noch stundenlang vor dem Haus.

Was mich am meisten beeindruckt hatte in Toronto? Der Gegensatz von alt und neu. Winzige Häuslein, Backsteinbau, neben 10stöckigen Häusern der älteren Jahrgänge. Eine Kirche, umbaut von einem Hochhaus. Mit dem Mindestabstand haben sie es nicht hier. Zwanzig Meter wiederum daneben ragte ein 40stöckiges Glastrumm in die Höhe. diese vierzig Etagen waren hier Kleinscheiß, bezogen auf die umliegende Bebauung. Und auf dieses Glastrumm mit dem ungenutzten Flachdach hatten wir von weit oben drauf geschaut. Sogar unser Mainhatten in Frankfurt nimmt sich dagegen putzig aus.

Ja, fahrst halt amal her, lieber Leser.

Wir saßen wieder auf der Veranda, kühle 28 Grad, Wein schlürfend. Christel und Gerlinde degustierten den Rosé, den wir im Weingut direkt gekauft hatten und ich machte mich über den Plastikwein her aus dem Infusionsbeutel. Den Kartonwein hatten wir vor einigen Tagen erstanden. Allerdings schmeckte mir dieser dunkle Rote viel besser als der süßere Rosé. Die Verpackung ist ja nicht entscheidend für die Qualität.

Donnerstag, 8. September 2016

Gerlinde kam nach ihrer Stunde Arbeit heim. Sie machte Dienst in einem Kindergarten for the lunchtime. Soll heißen, sie zeigte den 3-Jährigen, wie man sich die Hände wäscht und sich dann zum Essen auf seinen Platz setzt und unterstützte damit die Kindergärtnerin.

Dann bauten wir drei verschiedene Teller Salat zusammen. Blattspinat, Lettuce (grüner Salat halt), rote Paprika, Gurke, Jalapeños aus dem Garten (die hatten Umdrehungen!) und Schokoladentomaten. Die sehen aus wie unsere Cocktailtomaten, bloß schokobraun. Beim Ernten der grünen Scharfpaprikas fielen mir noch etliche Kräuter in die Hand, die auf einem der Teller gar nichts verloren hatten und über das alles streute Gerlinde Kürbiskerne und Sesamseeds. Die Salatsoße kam gelb daher. Eine Mango, Walnussöl, Salz, Pfeffer, Zitrone, alles püriert. Guat!

Wir fuhren zu einer National Conservation Area. Gerlinde hatte eine Jahreskarte für etliche Parks im Auto, sonst hätte es 7,50$ for each adult gekostet.

Myriaden von Palisaden waren in die Wiese gerammt, doppelreihig und fünf Meter hoch. Dahinter war ein Indianerlanghaus rekonstruiert. Neun Meter hoch, genauso breit und fünf Feuerstellen lang. Wir lernten, dass jede Familie eine Feuerstelle hatte, der Rauch zog durch die Löcher im Dach, auf beiden Seiten waren zwei Etagen mit Palisaden eingezogen, mit was auch sonst. Darauf Alltagsgegenstände aus Birkenrinde, Tierknochen, Pelzen, Ton und Binsengeflecht. Alles zum Anfassen. Gerlinde erzählte, dass alle Kinder hier mit der Schulklasse hergingen und so über die first na

 

tions, wie die Indianer genannt werden, lernen. Schon gut gemacht!

Dann spazierten wir einen Trail um den Lake Crawford rum. Crawford hieß der Siedler hier, sahen rote Libellen, korkeichenlustig verdrehte Zedern und keine Schlangen und turtles. Wurscht, schön wars.

Zum Rattlesnakeaussichtspunkt kurvten wir auch noch, rannten über einen Waldweg und hatten einen Look over the landscape. Schade, dass es noch nicht herbstlich gefärbt gewesen war, doch das konnten wir uns vorstellen. Die Rattlesnakes waren gottlob auch ausgegangen und zurück nach Burlington war es nur ein Katzensprung. Für kanadische Verhältnisse. Was hatten wir bloß mit diesem indian summer?

„Ihr wart nicht in Kanada, wenn ihr keinen Lachs gegessen habt!“ konstatierte Gerlinde und holte zwei Lachsseiten aus dem Ofen. Auf sehr individuellen Salattellern drapierte sie ein Stück vom Fisch mit Ahornsirupmarinade, dazu gab es Knoblauchbrot. Wie immer, war ich die letzte, den den Teller leer hatte, aber alle warteten brav, bis ich meinen letzten Bissen im Mund hatte und standen erst dann auf.

Als besondere Abendattraktion hatte sich Gerlinde für uns Shoppingerlebnis aufgespart. Wir fuhren in die Einkaufsmeile zum Bulk Barn, man stelle sich diese zwei Wörter very amerikanisch ausgesprochen vor. wir mussten drei Mal nachfragen, um überhaupt zu verstehen.

Das war ein Laden! Es gab alles lose: Bonbons, Bohnen, Nudeln, Mehl und Hundefutter. Weizen, Buchweizen, Reis, Hafer, alles in den Varianten Schrot, Flocken, Gries, weiß, geröstet, in Backmischungen (just add water). Sogar Ptitim entdeckte ich, der israelische Reisersatz früherer Zeiten. Daneben Cappucchinopulver (just add water), Zuckerperlen in Ahornform und rund in allen Farben. Gewürze natürlich, Salze (sogar ein kosheres) und Zucker aller Herkunftsarten und Reinigungszustand.

Ein Ausschneideset zum Gesichter in Kürbisse schneiden fand meine besondere Aufmerksamkeit und fast hätte ich es gekauft. Weil ich aber von Halloween gar nichts halte und bestimmt keinen ausgehöhlten Kürbis vor die Eingangstüre stellen mag, verzichtete ich schlussendlich. Gerlinde hatte einen Lachanfall bekommen: „Was ist denn bitte eine vegetarische Hühnerbrühe?“ Irgendetwas wollte ich doch kaufen, kindisch, gell. Ein kleines Tütchen Thaikokoscurry nahm ich mit.

Für den Rest des Abends spielten wir, erst Räuberrommé und dann eine Variation von Mensch ärgere dich nicht, statt mit Würfeln mit Karten. Es war ein Ahornbrett mit Löchern und einem magnetischen Ring, der die Hälften zusammenhielt, ein Reisespiel namens Maple & Cards. „Ganz nett, verkaufst mir das?“ fragte ich sie. „Wenn i`s wiederkriag!“ Wir googelten den Hersteller, er war gleich ums Eck, ums kanadische Eck, also eine Stunde Fahrt. Auf der Webseite gab es zwar noch das Foto, aber als wir bestellen wollten, ging es nicht weiter.

Freitag, 9. September 2016

Gerlinde rief den Toyfabrikanten an und zuckte die Schultern; das Spiel wurde nicht mehr hergestellt. Schad.

Unser Superhost, wie Gerlinde bei Airbnb heißen würde, fuhr zu ihrer Stunde Lunchhilfe in den Kindergarten und wir packten unsere Siebensachen zusammen. Hatten wir wirklich schon so viel mitgebracht?

Im Rockgarden verbrachten wir zwei Stunden des letzten Nachmittags. Dieser Steingarten ist ein Teil des großen botanischen Gartens und wie für die Parks auch, hatte Gerlinde hierfür einen Saisonpass, sehr praktisch. Bodendeckerthymian, alle Arten Blühpflanzen, kuriose Koniferenarten und im Teich in der Mitte nie gesehene Seerosenfarben. Die Luft hatte zwar 29 Grad wie gestern, aber statt 80% Luftfeuchtigkeit, waren es heute vielleicht noch 60%, angenehm!

Was lernten wir noch? Ahorn englisch maple heißt botanisch acer. Dann kann ich ja meinen Laptop ab heute Ahorn nennen, Ahörnchen.

Um fünf, nach einem letzten Salat, packten sich Uli, Gerlinde und wir zwei in das Auto, das ansprang und standen schon im Stau. „Habt ihr morgen schon was vor?“ erkundigte sich Uli. Bei der nächsten Ausfahrt bog er ab, kämpfte sich zehn Kreuzungen durch den Feierabendverkehr und nahm dann für uns die 407er, auf der man für Geld schneller fahren kann. Wir kriegten also den AirCanadavogel und schliefen nach Hause.

 

Unsere Reise:

    • Land: Kanada
    • Zeit: August/September 2016
    • Währung: Kanadischer Dollar = 1,4 Euro oder anders rum Euro = 0,7 $
    • Preise: etwas über unserem Preisniveau, Bier und Wein extrem teuer durch Steuern.
    • Leute: alle sehr freundlich und hilfsbereit
    • Sprache: englisch in Ontario, französisch in Quebec
    • Natur: viel Wald, in dem es keine Wege gibt. Naturparks mit angelegten Wegen und Eintritt. Walbeobachtung toll.
    • Orte: Toronto, Montreal, Tadoussac am St. Lorenzstrom, Quebec, Ottawa, Haliburton, Toronto
    • Km: 2600
    • Reisekosten für 19 Tage/Pers.: 2190,- €